„Charlie bit my finger“ – und warum die Welt GUI spricht

Ein Kommentar von Stefan Proud (zweigrad Interaction Designer) ...

Tragbare Geräte mit Internetzugang verbreiten sich weltweit schneller als die Stromnetze, mit denen sie geladen werden. Der digitale Informationsfluss, der damit einhergeht, kann fast jeden Menschen der Erde mit Informationen und Dienstleistungen versorgen, womit dieser Zugang zur wahrscheinlich ersten, weltweit verfügbaren universellen Dienstleistung wird. Mit der Nutzung von Handy, Cell Phone, Shou-Ji, Celular, Tablet, iPad oder anderer internetfähiger Geräte sind Sie einer gigantischen Welt voller grafischer Benutzeroberflächen (GUI – von „Graphical User Interface“) ausgesetzt. Aufgrund der Funktionsweise digitaler Produkte wie Apps und Webbrowsern werden Nutzer auf der ganzen Welt zeitgleich und ohne Verzögerung mit den neusten Verbesserungen und Konzepten von Nutzeroberflächen konfrontiert. Diese intensive Auseinandersetzung mit GUI-Design verringert die digitale „Lernkurve“ – also die Zeit, die Benutzer benötigen, um die Bedienung des Produktes oder der Dienstleistung zu verstehen. Die Konfrontation mit dem Design digitaler Benutzeroberflächen ist unabhängig von Kultur, Erziehung, sozialer Schicht und Schulbildung. Diese „digitale Sprache“ wird auf der ganzen Welt gesprochen und verstanden. Das Internet stellt uns dabei die Hilfsmittel zur Verfügung, die wir zur Kommunikation benötigen und liefert gleichzeitig die Themen die wir teilen und über die wir reden.

Videos von Babys und Haustieren sind Internetphänomene (und Themen), die uns vereinen. Emojis, Such-, E-Mail- und Menü-Symbole sind fast so bekannt wie die Logos der weltweit größten Marken. „Charlie“, der kleine britische Junge, der seinen Bruder in den Finger gebissen hat, wird auf der ganzen Welt wiedererkannt (830 Mio. Klicks auf You Tube), weil die verwendeten grafischen Benutzeroberflächen und Prozesse zur Ansicht solcher Videos fast jedem vertraut sind.

Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt derzeit in Regionen ohne Straßen-, Strom-, und Wasserversorgungsnetzen oder kabelbasierten Telefon- und Internetanschlüssen. Diese Hürden können in der nahen Zukunft durch eine drahtlose Datenübertragung überwunden werden. Tragbare Geräte, die sich mit Generatoren und kleinen Solarladegeräten aufladen lassen, ermöglichen die Verbreitung dieser Technologie in Gegenden, in denen alle anderen grundlegenden Dienstleistungen fehlen. Bald sind wir alle miteinander verbunden, und durch grafische Benutzeroberflächen gesteuerte Verhaltensweisen und Symbole auf mobilen Geräten sind überall bekannt. Wenn wir in 20 Jahren zurückblicken, werden wir Unternehmen nicht mehr verstehen, die sich dagegen entschieden haben, die explosive Entwicklung der Online-Aktivitäten im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts zu nutzen – ebenso wie es jemand in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts sicher nicht verstanden hätte, warum zwei Jugendliche aus einem Land am Persischen Golf heute das Video von Charlie nachspielen.

Wie wird die "Welt 4.0" das Industrial Design verändern?

Eine Einschätzung von Birte Jürgensen (zweigrad Geschäftsführung) ...

Dass Industrie 4.0 unsere Welt verändern wird ist unumstritten. Alle reden über diese Revolution, über das „Internet of Things“ oder das „Internet of Services“, über „Big Data“. Doch was genau ist Industrie 4.0? Wer begreift heute ihre Ausmaße? In welcher Weise wird Industrie 4.0 das Umfeld und die Gewohnheiten eines jeden einzelnen von uns verändern? - Im Privatleben wie in der Arbeitswelt? Und was bedeuten veränderte Nutzungsszenarien für uns Menschen? Als Designer und Ingenieure beschäftigen uns diese Fragen. Unser Wunsch nach Verstehbarkeit hat uns angetrieben, einen Blick in die Zukunft zu wagen und mögliche Szenarien einer „Welt 4.0“ zu visualisieren. Im Rahmen unseres zweigrad Vision Panels haben wir dazu Visionen von zukünftig möglichen Produkten entwickelt.

Aus meiner Sicht wird der Erfolg von Industrie 4.0 -und damit meine ich nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg- auch wesentlich davon abhängen, ob es uns gelingt, den Menschen „mitzunehmen“. Fest steht, dass diese Entwicklung unser Leben mindestens so nachhaltig beeinflussen wird wie die Digitalisierung oder die Verbreitung des Mobiltelefons. Wir werden zukünftige Produkte komplett anders nutzen als heute. Insofern wird sich die Mensch-Maschine-Schnittstelle „Produkt“ radikal verändern. Hard- und Software werden immer weiter miteinander und mit der realen Welt verschmelzen. So hält Augmented Reality schon seit längerer Zeit rasant Einzug in die Produktion, aber auch in den privaten und öffentlichen Bereich. Die standardmäßige Nutzung von Virtual Reality - Anwendungen hakt nicht mehr an der Rechenleistung, jedes Smartphone kann mittlerweile 3D-Bilder ausgeben. Sobald es Lösungen für ein immersives Feedback auf alle Sinne unseres Körpers gibt, werden wir uns in einigen Bereichen komplett von der realen Welt in die virtuelle verabschieden. Intuitive Software wird eine immer größere Rolle spielen. Auch virtuelle Produkte wollen gestaltet werden.

Wir müssen uns auf diese veränderte Situation einstellen. Die autarke Gestaltung von Hardware, wie sie das Bild des klassischen Industriedesigners seit Jahrzehnten ausmachte, wird keine ausreichenden Antworten mehr auf die veränderten Anforderungen einer zunehmend virtualisierten Welt geben können. Wir müssen interdisziplinär denken und arbeiten, wenn wir den Menschen eine vernünftige Antwort auf die veränderten Nutzungsszenarien geben wollen. Da wir auch in Zukunft unserem hohen Anspruch an Usability und Ergonomie gerecht werden wollen, gestalten wir verstehbare Anwendungen, ausgerichtet auf ihr spezifisches Nutzungsszenario, in einem interdisziplinären Team aus Ingenieuren, Industrial Designern und Interaction Designern. Für uns bei zweigrad steht der Mensch im Mittelpunkt. Denn auch und gerade in einem immer stärker technologisierten Umfeld soll die Maschine dem Menschen helfen und nicht umgekehrt. Jede Anwendung, jedes Produkt –egal ob Hard- oder Software- soll dem Menschen das Gefühl geben, verstanden worden zu sein. Eine Herausforderung, die wir gern annehmen, und die uns die nächsten Jahre beschäftigen wird: the beauty of understanding.

-> Weitere Publikationen zu Industrie 4.0

Ein erfolgreiches Produkt als Resultat einer guten Zusammenarbeit

Im Interview mit Frau Dillmann (Marketingdirektorin von DENTSPLY Friadent) ...

zweigrad: Frau Dillmann, was hat Ihnen an der Zusammenarbeit mit zweigrad besonders gut gefallen?

B. Dillmann: Sehr überzeugend war das sehr systematische Vorgehen Ihres Unternehmens bei der Entwicklung eines Produktes, das am Markt später als innovativ wahrgenommen werden und einwandfrei funktionieren sollte.
Sie haben sich in diesem Prozess durch persönliche Besuche Ihrer Entwickler bei unseren Kunden vor Ort und live in der Praxis angesehen, wie so eine Chirurgie-Kassette in der Umgebung einer Praxis funktionieren muss. Vor dem Hintergrund der gültigen medizinischen Richtlinienhaben haben Sie so zum Beispiel auch die Materialwahl für das Tray sehr gut empfohlen – das heißt bei Ihrer Arbeit spielten nicht nur innovatives Design und Form, sondern eben gleichgewichtet auch Funktionalität und Realisierbarkeit ohne die sonst häufigen nachträglichen Einschränkungen die entscheidende Rolle.
Ich erinnere mich auch gut, dass wir gemäß dem Vorgehen von zweigrad Vertreter aller für eine innovative Produktentwicklung benötigten Disziplinen in einem ersten Workshop zusammengeführt haben. Hier brachten also jeweils Experten von Seiten der Entwicklung über den Vertrieb und das Produktmanagement bis hin zu den Klinikern entscheidendes Know-how ein, das notwendig ist, um zu verstehen, was eine Chirurgie-Kassette in der Zahnimplantologie leisten muss. Wir haben in diesem interaktiven Workshop auf diese Weise eine Grundlage geschaffen, mit der das gewünschte Produkt zielgerichtet entwickelt werden konnte.

zweigrad: Sie loben die sehr systematische Vorgehensweise von zweigrad – ist so eine Vorgehensweise flexibel genug für hoch innovative Märkte, in denen es schnell gehen muss?

B. Dillmann: Nach unserer Erfahrung gab es trotz des klar strukturierten Prozesses auch die tatsächlich nötige Flexibilität, anders als ursprünglich geplant zu gestalten. Ich erinnere sehr gut, dass wir den Eindruck hatten, dass auch auf der anderen Seite sehr erfahrene und professionelle Designer und Projektmanager sitzen. Alle Prozesse waren transparent und nachvollziehbar.

zweigrad: Frau Dillmann, können Sie sagen, was der besondere Erfolg der Chirurgie-Kassette ist? Und was da der Anteil unseres Industriedesigns ist?

B. Dillmann: Das Chirurgie-Kassetten-Design war bei uns nicht nur ein Relaunch eines verbesserungswürdigen Medizinproduktes, sondern Bestandteil eines kompletten Rebrandings unseres Unternehmens. Was das Produkt selbst betraf, war eine klare Überarbeitung aus der funktionellen Perspektive notwendig: in den Arbeitsabläufen, in der Klarheit der Bohrerreihenfolge, in den sicheren Halterungen für die Bohrer, in der Langlebigkeit und Handlingsfreundlichkeit für die Helferin in der Praxis. Auch Organisationsinstrumente wie den kleinen Organizer, den wir eingebaut haben, haben geholfen, die Bohrer während des OP-Vorgangs sauber abzulegen. Kurz zusammengefasst: alles Dinge, die den Arbeitsalltag besser unterstützen.

Neben dieser funktionellen Seite war jedoch auch eine klare Integration unserer Chirurgie-Trays in einen allgemeinen Unternehmensauftritt wichtig für uns. Die Trays sind tägliches Arbeitswerkzeug unserer Anwender und somit wichtige Imageträger. Sie sollten angepasst an den allgemeinen neuen Auftritt auch eine moderne und „nahbare“ Optik erhalten, um ein sehr medizinisches und komplexes Produkt trotzdem möglichst beherrschbar, einfach und sympathisch für den Anwender zu machen. Das Industriedesign war da aus meiner Sicht sehr entscheidend.

Der Erfolg hat uns Recht gegeben. Das Produkt war schon insofern innovativ, dass es eine schwarze Oberfläche hatte und damit sehr ungewöhnlich für die Chirurgie designt war. Gleichzeitig sorgt es durch die modulare Aufbauweise dafür, dass man die Trays gemäß der Bohrer und Implantate-Durchmesser, die ein Anwender benutzt, höchst flexibel gestalten kann. Wir sehen auch eine sehr hohe Identifikation unserer Mitarbeiter mit diesem Produkt, weil es tatsächlich sehr innovativ und eigenständig im Markt ist und sich bisher von allen Chirurgie-Kassetten des Wettbewerbs abhebt. Wir werden auch heute noch oft auf diese Trays angesprochen, weil sie sehr anders aussehen als die des Wettbewerbs. Sie werden in ihrer Modularität genutzt und geschätzt, sind gut zu reinigen, sehr übersichtlich in der Anwendung und leicht als DENTSPLY Friadent Kassetten zu identifizieren. All das, was wir damals angestrebt haben, ist also hervorragend gelungen.